• Angela Fischer

50plus ist nichts für Feiglinge

Aktualisiert: Apr 22

Au weija...! Ich habe mein erstes graues Haar in meinen Brauen entdeckt!


"Mei, was hat die für ein Problem. Die Welt steht Kopf wegen Corona, Menschen haben Existenzängste, die Wirtschaft schliddert in eine Rezession - und die jammert über ein simples graues Haar."


Absolut. Das tue ich. Und ich traue mich das hier ganz öffentlich auszusprechen.

Nur, weil es Corona gibt, tut mir das graue Haar trotzdem weh. Ja, sogar ziemlich weh.


Vor lauter Schreck habe ich mir gleich mal eine Gesichtsmaske gegönnt. Die entspricht zwar nicht den Anforderungen von Herrn Söder. Aber sie hilft vielleicht ja gegen den "Hilfe-jetzt-werde-ich-alt"-Virus.




2020 soll eigentlich mein Jahr werden.

So sagt es die Astrologie.

Weil 2020 ist geprägt vom Mond. Und da der Mond meinem Sternzeichen (= Krebs) zugeordnet ist, hat er angeblich dieses Jahr einen positiven Einfluss auf mich. Eigentlich eine einfache Gleichung. Da werde selbst ich als Horoskop- und Astrologie-Skeptikerin schwach und gläubig.

Nur, wie passt dazu jetzt das graue Haar in der Braue?


Auf alle Fälle ist es ein Zeichen.

Ein Zeichen, dass 50plus auch seine Schattenseiten hat.

Ein Zeichen, dass Körper und Seele ab 50plus irgendwie getrennte Wege gehen.

Seelisch fühle ich mich nämlich wie Anfang 30. Wobei... wenn ich es mir genau überlege, in mir drinnen habe ich gar kein Alter. In mir drinnen bin ich einfach ich und irgendwie alterslos.


Nur mein Körper spielt da nicht mit. Der altert einfach. Und hat dann auch noch die Dreistigkeit mir mit diesem verdammten grauen Haar in aller Deutlichkeit vor den Latz zu knallen: "Von wegen Anfang 30..."


Natürlich ist das nicht das erste Anzeichen, dass die Anfang 30 Utopie sind.

Das fiese an der Sache ist, dass diese Anzeichen so in Schüben kommen. Ich wette, die nächsten drei Monate wird kein einziges neues graues Haar in den Brauen nachwachsen. Doch dann, eines Morgens, schaut man nichts ahnend in den Spiegel und dann ist da plötzlich nicht nur ein graues Haar mehr, nein, todsicher zwei oder gar drei. Wumm!


Diese Schubhafte - irgendwie erinnert es mich an die Entwicklung von Kindern. Auch deren Entwicklung findet in Schüben statt.


Natürlich habe ich dieses verdammte graue Haar sofort ausgerupft.

Bin ich jetzt ein Feigling, weil ich nicht zu diesem grauen Haar stehe ?

Ich finde, ich bin in dem Alter, in dem ich das Recht habe, die beste Version von mir selbst zu kreieren. Innerlich wie äußerlich. Und in meinen Augen hat diese Version von mir kein graues Haar in den Brauen.


Das Tolle an 50plus ist doch, dass man auf dem Weg zu sich selbst schon ziemlich weit ist. Dass man sich schon ganz schön gut kennt. Und zumindest weiß, was man nicht will. Dazu gehört auch so etwas simples wie ein graues Haar in den Brauen.

Dazu gehört z.b. auch Botoxen. Leider stehen die Wenigsten wirklich öffentlich dazu.

Natürlich höre auch ich immer wieder mal die Frage "Du schaust aber jung aus. Lässt du was machen?"


Die Wenigsten beantworten ganz frei heraus diese Frage mit "Ja". Sondern begründen ihr jugendliches Aussehen mit guten Genen, viel Wasser trinken etc. Warum?

Das Altern kann man nicht einfach wegtrinken. Wer bitte glaubt solche Märchen?

Warum ist es so verwerflich, ein bisschen nach zu helfen? Warum ist es gesellschaftlich geächtet, ein bisschen frischer auszusehen? So auszusehen, als ob man gerade aus einem erholsamen Urlaub kommt.


Ich tue das. Ich stehe dazu. Ich benutze ja auch eine Antifaltencreme, Make up und Gesichtsmasken. Solange mich die Leute noch als Angela erkennen, sehe ich nichts Falsches an Botox bzw. minimal invasiven Eingriffen. Für mich ist die Grenze da, wo ich an meiner Gesichtskontur etwas ändere.

Aber auch das muss im Endeffekt doch jeder für sich entscheiden. Jeder muss das Recht haben, ein 50plus-Feigling zu sein.

Ich finde es übrigens auch okay, wenn Männer sich "aufhübschen" lassen. Wo steht geschrieben, dass Männer ihre Alterszeichen nicht kaschieren dürfen?


Ich fände schön, wenn es mehr Toleranz gäbe.

Auch Toleranz gegenüber 50plus.

Ganz nüchtern betrachtet ist das eine Zahl. Wenn man so will, auch eine Marke.

Aber kein Makel!

Und dennoch: Ehrlich gesagt, wenn ich in einer Bar bin und ein jüngerer Mann spricht mich an, gebe ich nicht gerne zu, dass ich 50plus bin. Da bin ich ein absoluter 50plus-Feigling. Ist doch eigentlich schade ?


So, meine Gesichtsmaske muss jetzt dringend runter. Sonst sehe ich am Ende noch aus wie Anfang 20.

Das wäre selbst mir unheimlich.